O TANNENBAUM, O TANNENBAUM

Alle Jahre wieder fallen in Österreichs Christbaumplantagen im Dezember die schönsten Tannen. Auch Martin Breitenberger greift im Advent zur Säge: Das Vertriebsass von Mareiner ist nebenher Forstwirt mit eigenem Christbaumwald.
STEIRISCHE CHRISTBÄUME GIBT ES IM DEZEMBER AUCH BEI MAREINER © KATARINA PASHKOVSKAYA

Um den 14. Dezember herum beginnt sie: Die extrem kurze Saison der österreichischen Christbaumbauern. Dann fertigen sie daheim am Hof die Kundenkolonnen ab und nehmen von früh bis spät abwechselnd Säge, Verpackungsmaschine und Wechselgeld zur Hand. Oder sie stehen auf einer der vielen Freiflächen, die sich österreichweit für gut zehn Tage in Christbaummärkte verwandeln. Auf einer davon findet man auch Martin Breitenberger, der seinen Platz heuer auf dem Gelände der Privatbrauerei Schnaitl in Gundertshausen gebucht hat. Denn das Christ-baumgeschäft ist neben der Jagd die zweite große Leidenschaft des Vertriebsasses von Mareiner, der im Innviertel aufgewachsen ist. Dort, nahe Braunau, liegt in grüner Waldeinsamkeit auch der Forstbetrieb seiner Familie. 1986 hat seine Mutter das Nebengeschäft mit dem Anbau von Christbäumen begonnen. Seit etwa 15 Jahren führt es Sohn Martin. Auf einem Hektar hat er rund 7.000 angehende Christbäume in allen Größen und x-facher Artenvielfalt stehen: Vertreter der Türkischen und andere Tannen, vor allem aber verschiedener Unterarten der Nord-mannstanne. Sie ist der unangefochtene Liebling in Österreichs Haushalten.

NEUER PATRIOTISMUS

Nach wie vor stellt man sich in sieben von zehn Häusern und Wohnungen zu Weihnachten den sprichwörtlichen Baum auf. Macht in Summe alle Jahre wieder an die 2,8 Millionen Christbäume, von denen angeblich zwölf Prozent aus Kunststoff sind. Mitte der Neunzigerjahre wird noch jeder fünfte Immergrüne importiert. Vor allem aus Dänemark mit seiner agrarindustriellen Christbaumproduktion. Heute stammen in Österreich jedes Jahr rund 2,5 Millionen Bäume aus heimischen Plantagen. 1990 summieren sich die zu lediglich 930 Hektar Anbaufläche.
Mittlerweile ergibt die Addition bereits 3.500 Hektar.

Regionalität ist Trumpf: Laut Umfrage der Landwirtschaftskammer werden über 80 Prozent der Christbaumverkäufer auf den Ursprung ihrer forstlichen Ware angesprochen. Martin Breitenberger hingegen wird so gut wie nie gefragt, woher seine Bäume denn kämen: „Ich habe fast nur Stammkunden, die wissen, wo unser Wald steht.“ Umso mehr, als die Familie Breitenberger ihren Christbaummarkt bis vor zwei Jahren noch direkt auf der Plantage abgehalten hat. Mit Pferdekutschenfahrten, Glühwein und allem Drum und Dran. Das war nicht zuletzt wegen Breitenbergers beruflicher Doppelbelastung zu viel Aufwand, weshalb sich der gelernte Förster auf den Verkauf im Ort verlegt hat. „Am 8. Dezember schneide ich mir einen Grundstock zusammen, den ich jeden Tag in der Früh vor dem Verkaufsbeginn um zehn Uhr nach Bedarf ergänze“, erzählt Breitenberger. Auf die rot-weiß-rote Herkunftsschleife für seine Bäume verzichtet er: Für einen wie ihn lohnt sich der hohe Werbebeitrag dafür nicht. Dafür fährt er seine eigene Werbelinie.

EIN NETTES TASCHENGELD

Mit seinen 7.000 Bäumen gehört Breitenberger zu den Kleinen auf dem Markt. Die meisten österreichischen Christbaumbauern bewirtschaften zwei oder drei Hektar. Fast ausnahmslos im Nebenerwerb, nur einige wenige ganz Große leben ausschließlich von dem Geschäft. „Reich geworden ist damit noch keiner“, sagt Martin Breitenberger, der vor seinem Einstieg bei Mareiner Manager des Steirischen Waldverbandes war. Doch ein schönes Taschengeld kann man sich damit allemal verdienen: In Niederösterreich, wo über die Hälfte der Produktionsfläche liegt, beträgt die Wertschöpfung rund um Anbau, Pflege und Verkauf 22 Millionen Euro im Jahr. Die Steiermark, wo Breitenberger gerade eine weitere kleine Christbaumplantage anlegt, liegt anteilsmäßig mit 17 Prozent der Anbaufläche auf Platz zwei. Auf dem dritten Podestplatz steht Oberösterreich mit zehn Prozent.

Für die Christbaum-Waldarbeit gehen pro Jahr und Hektar rund 80 Stunden auf, hat man in Bayern aus-gerechnet. „Ich greife jeden meiner Bäume jedes Jahr sicher fünf- bis siebenmal an“, weiß Breitenberger. Dafür – und für das Weihnachts-geschäft – geht der Löwenanteil von Breitenbergers Urlaub auf. Was den umtriebigen Wahlsteirer nicht stört, denn die Zeit im Wald ist für ihn der perfekte Ausgleich zum kommunikations- und reiseintensiven Vertriebsgeschäft: „In unserem Wald ist der nächste Nachbar einen Kilometer weit weg, und ich kann mich in der Stille und bei der manuellen Arbeit total entspannen.“

SO MANCHER BAUM HAT SEINEN PFLEGEVATER IN SACHEN KÖRPERGRÖSSE SCHON ÜBERHOLT. IM WALD MUSS ES TROTZDEM OHNE STEHLEITER GEHEN. © KATARINA PASHKOVSKAYA

SCHNEIDEN UND ZWICKEN

Die Arbeit mit der Hand besteht in den Christbaumplantagen zum überwiegenden Teil darin, den Baumwuchs zu regulieren und zu korrigieren. Anders als in freier Waldwildbahn dürfen die Tännchen ihren Leittrieb hier nicht so schnell wie möglich in die Höhe schießen lassen. Stattdessen wird der Saftfluss im Leittrieb mit einer Zange so weit abgedrückt, dass er den Seitentrieben nicht zu weit davon wächst. Die Seitentriebe wiederum werden durch Abzwicken der äußeren Triebe so reguliert, dass der Baum in regelmäßiger Rundheit und in der idealtypischen Dreiecksform von der Spitze bis zu den unteren Ästen heranwächst. Wobei Breitenberger beobachtet, dass seine Kunden genau darauf immer weniger Wert legen:

„Unregelmäßig gewachsene Bäume mit speziellem Charakter sind zunehmend gefragt.“
MARTIN BREITENBERGER

Neben dem Beschneiden, Aufbinden und Schienen der Bäume beschert den Waldbauern das Inschachhalten des Bodenbewuchses erheblichen Arbeitsaufwand: Wächst das Gras zu hoch, sterben mit den unteren Ästen genau die ab, die den Baum so buschig machen. Das Ausmähen der Plantage ist das Einzige, was Breitenberger nicht selbst macht, sondern in Lohnarbeit erledigen lässt. Das frisch geschnittene Gras bleibt, Stichwort Mulchen, als Bodendünger liegen. Immer mehr Kollegen von Breitenberger lassen Shropshire-Schafherden in ihren Plantagen weiden. Der Schäl- und Nagetrieb der anderen Schafrassen ist den Shropshires fremd. Als Einzige haben sie kein kulinarisches Interesse an frischen Nadelbaumtrieben. Statt sich an den Bäumen zu vergehen, hält die vierbeinige Alternative zur Motorsense nur Gras und Unkraut kurz und düngt mit ihren Exkrementen zugleich den Boden.

AUCH WENN CHARAKTEREXEMPLARE ABSEITS DER CHRISTBAUMNORM BELIEBTER WERDEN, IST EIN GERADER WUCHS IMMER NOCH DAS MASS DER DINGE. © KATARINA PASHKOVSKAYA

LANGER ANBAU, schneller konsum

So wie in vielen anderen Plantagen kommt Dünger auch im Wald von Martin Breitenberger so gut wie nie zum Einsatz. Es sei denn, hin und wieder punktuell. Oder dann, wenn sich der von Waldbauern gefürchtete Hallimasch-Pilz an den Bäumen breitmacht und Weißfäule ver-ursacht: „Dagegen hilft nur Chemiedünger.“ Sonst ist synthetische Chemie tabu in Breitenbergers Christbaumrevier. Damit gehört Breiten-berger zu den vielen Christbaumbauern, die ohne offizielle Zertifizierung in Bioqualität produzieren.

Bio ist die Achillesferse der österreichischen Christbaumwirtschaft: Bis heute gibt es kein einheitliches Ökosiegel. Anders als bei den Lebens-mitteln ist das Biobewusstsein der Konsumenten beim Christbaum noch kaum entwickelt. Nicht wenige Bauern spritzen ihre Plantagen immer noch mit dem unter anderem für Bienen tödlichen Unkrautkiller Glyphosat, manche greifen auch zum chemischen Insektentod. Breitenberger braucht dergleichen nicht: Die Artenvielfalt in seiner Plantage ist der beste Schutz gegen Schädlinge. Fuchs, Dachs und Raubvögel halten die Nagetiere in Schach.

SAUERSTOFFSPENDER, CO2 BINDER

Und der guten Ökobilanz von Breitenbergers Christbaumwald ist noch etwas zuzurechnen: Der eine Hektar allein bindet in zehn Jahren mindestens 95 und bis zu 143 Tonnen CO2. Im selben Zeitraum produziert er 70 bis 105 Tonnen Sauerstoff.

Doch egal, wie ökologisch oder konventionell ein Christbaumbetrieb auch wirtschaftet, das forstliche Ausfallrisiko liegt bei 20 bis 30 Prozent: Knickt ein im Tannenwipfel sitzen der Vogel den Leittrieb, ist der Baum schon so gut wie unverkäuflich. Dürre, später Frost und das Treiben der Wühlmaus sind tödlich für viele der Jungbäume, die Breitenberger von heimischen Aufzuchtbetrieben bekommt. Sie ziehen Tannensamen vorwiegend aus Georgien, der Türkei und anderen vorderasiatischen Regionen zu Sämlingen und weiter zu Jungpflanzen heran. Sind sie drei oder vier Jahre alt, werden sie für Breitenberger und die Branche interessant. Bis aus ihnen eine zwei Meter hohe Prachttanne für das Weihnachtsfest wird, vergehen nach der Pflanzung weitere neun bis zehn Jahre intensiver Hege und Pflege – angesichts der sonst in der Forstwirtschaft üblichen Wachstums- und Entwicklungsperspektiven eigentlich ein schnelles Geschäft.

Im krassen Gegensatz zum über zehnjährigen Heranwachsen eines Christbaums steht die tatsächliche Nutzungsdauer: Nach zwei oder drei Wochen als aufgeputzter Lebendschmuck im Wohnzimmer hat das Christbaumdasein ein Ende. Denn Christbäume sind Wegwerfartikel. Allein in Wien kommen nach Silvester 700 Tonnen Tanne zusammen, die im Biomassekraftwerk zu Fernwärme transformiert werden. Am Land haben Pferde und Ziegen besondere Kau- und Zerstörungsfreude am grünen Rest vom Fest.

Doch lange bevor sich das Heizkraftwerk oder das liebe Vieh an Martin Breitenbergers Bäumen verlustieren, bereiten sie seinen Freunden Freude: „Ich bringe allen persönlich einen Baum als Weihnachtsgeschenk.“ Einen Teil seiner Ernte überlässt Breitenberger auch seiner alten Heimatgemeinde und der Stadt Kapfenberg, die seine Innviertler Tannen an einkommensschwache Familien weiterreichen. Mit kleiner Unterstützung von Mareiner: Wenn Breitenberger seine edlen Nadelbäume aus dem Innviertel in die Steiermark kutschiert, dann klemmt er sich hinter das Steuer des Mareiner Holzmarkt-Transporters.

Christbaum-Rat vom Fachamann
  • Achten Sie beim Kauf auf die Schnittfläche: Bei frisch geschnittenen Bäumen ist sie ganz hell. Dunkle Schnittflächen sind kein gutes Zeichen.
  • Wenn Sie den Baum  schütteln, dürfen keine grünen Nadeln abfallen.
  • Auch geschnittene Bäume sind Lebewesen, die Wasser brauchen: Im  geheizten Wohnzimmer 2 Liter und mehr am Tag!
  • 3 Tage vor dem 11. Vollmond mondgeschlägerte Christbäume halten länger frisch. Fragen Sie nach dem Schlägerungszeitpunkt.
  • Schneiden Sie den Baum vor dem Aufstellen unten noch einmal nach.
  • Hat Ihr Christbaum einen halbwegs dicken Stamm, ritzen Sie mit dem Stanleymesser senkrechte Schlitze ein – und riechen Sie dann den duftenden Unterschied.